Sie ist einer der größten Stars der deutschen Volksmusik und das Zugpferd für das große Musikfest, das die KG Buchholz aus Anlass ihres 111-jährigen Bestehens ausrichtet: Stefanie Hertel steht am Samstag, 9. Juni, bei der Schlager-Zeitreise im Festzelt auf der Bühne, begleitet von Otti Bauer und seinem Orchester. Vorab hat sich die 38-Jährige, deren Karriere bereits im Kindesalter begann, den Fragen der RZ gestellt.

 
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Frau Hertel, wissen Sie schon, wie Sie nach Buchholz kommen?

Sicher mit dem Auto. Die Reiseplanung ist aber noch nicht fertig.

Dann haben Sie vermutlich noch nicht bemerkt, dass es den Ortsnamen Buchholz sehr oft gibt, angeblich 71-mal allein in Deutschland.

71-mal? Wow! Aber in Ihrem Buchholz bin ich ja schon gewesen. Nämlich genau zu dieser Veranstaltung. Das ist aber sicher schon 15 Jahre her.

Sie sind extrem bekannt durch Auftritte in Fernsehshows und moderieren mittlerweile auch eine eigene Sendung im MDR. Wie wichtig ist Ihnen da der persönliche Kontakt zu ihren Fans?

Die Essenz meines Berufs ist nach meinem Verständnis als Livemusikerin schon die Bühne. Das Fernsehen erreicht natürlich ein breiteres Publikum, das daraufhin vielleicht auch zu einem Konzert kommt. Das ist nicht zu vergleichen. Mit den eigenen Shows ist es etwas anderes, da bin ich als Gastgeberin auch von der Planung bis zum Finale mit Herz und Seele dabei. Aber bis vor wenigen Jahren war es ja so, dass ich im Fernsehen nur mit einem Auftritt oder Lied zu sehen war, und da kann man sich als Künstler nur eingeschränkt präsentieren. Bei den Liveshows kann man zeigen, was man an Bandbreite und künstlerischer Qualität auf die Bühne bringen kann, wenn man über zwei bis drei Stunden ein Konzert gibt.

Wenn man auf Ihre Homepage schaut, stellt man ja fest, dass Sie den Sommer über gar nicht so viele Liveauftritte spielen, und darunter viele bei ähnlichen Festen wie in Buchholz.

Ja, über den Sommer sind es meistens Feste, dann geht ja auch kaum jemand gern in eine Konzerthalle. Früher haben wir mitunter 80 oder 100 Konzerte im Jahr gespielt. Mittlerweile geht das nicht mehr, und mein Leben habe ich auch neu ausgerichtet. Die TV-Shows für den MDR nehmen viel Zeit in Anspruch, im Studio arbeite ich gerade an einem neuen Album und dann möchte ich auch noch Zeit für meine Familie haben. In diesem Jahr hab ich bisher allein 30 Shows mit meiner Dirndlrockband gespielt. Und im Advent gehe ich zum Jahresausklang mit meinem Mann Lanny und meinem Vater auf Weihnachtstour. Darauf freuen wir uns schon sehr.

Der große Durchbruch kam für Sie als Kinderstar 1991 mit dem Lied „A Stückerl heile Welt“…

Ja, das war der erste wichtige Erfolg, und dann war natürlich ganz entscheidend der Sieg beim Grand Prix der Volksmusik mit „Über jedes Bacherl geht a Brückerl“. Das war eigentlich das noch wichtigere Lied für mich. Das hab ich auch bei jedem Auftritt im Gepäck.

Kann es das denn heutzutage noch geben, eine heile Welt?

Wenn man genau auf den Text hört, beschreibt das Lied, dass ich mir ein Stückerl heile Welt gern bestellen würde, weil es nicht mehr überall so heil ist oder auch nie war … [Stefanie Hertel bricht den Satz ab. Sie sitze mit ihren Hunden draußen, die gerade ein Reh entdeckt hätten, erklärt sie. Die müsse sie jetzt erst einmal anleinen.] … Aber ich denke, jeder, nicht nur Menschen aus meiner Branche, sehnt sich danach. Musik ist Ausdruck dieser Wünsche und Sehnsüchte. Das ist in der Pop- und Rockbranche nicht anders.

Und Sie haben Ihr „Stücklerl heile Welt“ in ihrer Wahlheimat, dem Chiemgau, gefunden, wo sie von Ihrem Haus aus Rehe sehen können?

Das ist mein Leben. Ich bin einfach ein Landmensch und liebe die Natur. Aber das hat weniger mit meiner Musik zu tun. Mein Mann kommt aus der Rockmusik und mag das genauso gern.

Sie sind sozial engagiert, besonders seit 2016 mit ihrem Verein „Stefanie Hertel hilft“. Gab es dafür einen bestimmten Auslöser?

Ich engagiere mich seit Jahren für verschiedene Organisationen und habe leider immer nur bedingte Mittel zu helfen. Deshalb ist es mir wichtig, über Benefizveranstaltungen auch selbst Gelder zu generieren und Menschen dafür zu gewinnen mitzuhelfen. Aus diesen Gedanken ist der Verein entstanden.

Ihr gerade erschienenes Buch trägt den Titel „Über jeden Bach führt eine Brücke“. Wie würden Sie die Bedeutung dieses Satzes für ihr Leben schildern?

Das war immer ein Lebensmotto von mir. Ich bin immer meinen Weg weiter gegangen, wenn ich davon überzeugt war, dass er der richtige für mich ist. Wenn sich eine Türe schließt, dann öffnet sich eine andere beziehungsweise irgendwo wird eine Brücke sein, die über den Bach und zum Ziel führt.

Worum geht es in dem Buch?

Es erzählt verschiedene Geschichten aus meinem Leben, die mir einfach sehr viel bedeuten oder die nicht vergessen werden sollten. Amüsante Geschichten und solche, in denen man sich auch als Nicht-Fan wiederfinden kann – jeder hat Erinnerungen an die eigene Kindheit oder die eigene Großmutter, die man im Gespräch miteinander teilt.

Aber es sind auch Ereignisse wie Konzerte vor Stasileuten verarbeitet – also möglicherweise auch unangenehme Seiten der Kindheit?

Naja, so unangenehm war das im Augenblick des Auftritts auch nicht, aber für uns als absolute Antikommunisten war es schon immer ziemlich speziell, damit umzugehen.

Wende und Wiedervereinigung haben sie als Befreiung erlebt?

Absolut ja.

Haben Sie denn andererseits auch Verständnis dafür, dass das in vielen Biografien einen Bruch bedeutet hat, mit dem die Leute nicht so gut klarkamen?

Ja sicherlich. Es gab ja schon Menschen, die daran geglaubt haben, was ihnen vorgegaukelt wurde und das aus Überzeugung absolut gelebt haben. Grundsätzlich sind ja die Gedankengänge eines Karl Marx nichts Schlechtes. Das war gut gemeint, aber in diesem System nicht umsetzbar. Und es gab ja auch Künstler, die zwar mit dem System nicht viel zu tun hatten, die aber Erfolg hatten und nach der Wende nicht mehr gefragt waren, weil viele „Ossis“ aus Nachholbedarf ausschließlich Westkünstler sehen wollten. Das ist eine Schattenseite der Wende, die viele tolle Kollegen leider zu spüren bekamen.

Wie sehr haben Sie und Ihre Familie sich von diesem System eingeengt gefühlt?

Es war schon ein beklemmendes Gefühl. Wir hatten auch durch den Hof genug zu essen, wenn auch nicht unbedingt das, was wir gern gehabt hätten, aber wir sind nicht verhungert. Je nach Jahreszeit hatten wir außerdem Obst, Gemüse und Kräuter, was es halt gerade so im Wald und auf der Wiese gab. Wenn ich als Kind draußen mit meiner Oma in den Pilzen oder Beeren unterwegs war, das hat richtig Spaß gemacht. Das Regime hat dafür gesorgt, dass jeder ein Dach über dem Kopf hatte. Aber wir haben halt in einem alten Gesindehaus gelebt, wo es nur ein Plumpsklo gab und bei dem im Winter auch schon mal Eisblumen an den Fensterinnenseiten wuchsen. Also meine Kindheit war schön, das steht außer Frage! Aber dennoch hatten wir immer das Gefühl, wir sind eingesperrt und kommen nicht hinaus in die Welt.

Die Fragen stellte
Michael Fenstermacher

Text: Rhein-Zeitung